Ausgabe 8: Stuckrad Late Night

Stuckrad Late Night Christopher Lauer ZDFneo ADHA PiratenparteiZDFneo ist so etwas wie die Jugendwelle des öffentlich-rechtlichen Zweiten Deutschen Fernsehens, die in ihrem Hauptprogramm eher dem allgemeinen Jugendwahn entgegen arbeitet. Auf solch einem Kanal können viele Formate ausprobiert, etabliert, verändert und zur Reife gebracht werden. Dabei hat sich am Donnerstag Abend eine illustre Runde gefunden die von der eigenwilligen Sarah Kuttner, den Anarchokomikern Joko & Klaas bis zum intellektuell angehauchten Benjamin von Stuckrad-Barre reicht. Je später der Abend, desto niveauvoller der Gastgeber.

Die Buchung

Um Teil der Show zu sein – zumindest als Klatschpublikum – hat man die schnelle Möglichkeit, Tickets online zu erwerben. Sehr problemfrei, wenn man es nicht so mit dem Schutz persönlicher Daten hat. Trotz allem möchte man aber in die Show und was tut man nicht alles um ein wenig ins Bild zu geraten. Als Gast ist man wirklich gefragt, da ich die Bestätigung vergessen hatte, erreichte mich zwei Tage vor Aufzeichnung ein Anruf der Agentur die das Ticketing inne hat. Nobel werte Herrschaften, die Bestätigung wäre irgendwie einfacher wenn IN der Buchungsemail der passende Link parat wäre. Spart ihnen wohl Zeit und Geld.

Vor der Aufzeichnung

Die Studios liegen verkehrsgünstig, wenn man nicht fusslahm ist. Einen schicken Marsch von der S- und U-Bahnstation Warschauer Straße (von der anderen Seite geht’s ebenso schnell von der S-Bahn Treptower Park) an die allseits beliebte Mediaspree. Das Guggenheim Lab hats nicht geschafft – die Fernsehwerft schon. Hier wird ebenso das NeoParadise-Format produziert, das von den Ex-MTV-Homelern Joko & Klaas moderiert wird.
Das Publikum ist definitiv jung. Sehr jung. Leider aber wieder auch sehr Hip. Die Jutte-Taschen-Dichte ist hier bei 3-1. Club-Mate fließt in Strömen. Dafür scheinen sämtliche Second-Hand-Läden der Umgebung ausverkauft zu sein. Immerhin geben alle ihre Bild- und Tonrechte ab ohne zu fragen warum. Macht nichts, Gesichtsbuch hat sowieso schon alles gesammelt und per Sammelemail an die Produktion überstellt.
Die Verteilung des Publikums erfolgt im Casting-Jury-Style: drei Ich-Mach-Irgenwas-Mit-Medien-Gestalten schauen dich an, befinden wo du mit wem sitzen darfst (je kleiner die Gruppe desto besser) – und liebe Nerds aus der letzten Reihe: Ja, ihr müsst da sitzen. Da ist nämlich die Beleuchtung dunkel. Sehr dunkel. Pickel-Verschwind-Dunkel.
Der Warum-Uper Mike versucht alles aus der Gruppe von knapp 150 Zuschauern raus zuholen. Leider hat der Großteil kein DSDS-Niveau und tut ihm eher widerwillig den gefallen. Als der Gastgeber auftaucht ist das schon etwas anderes: wegen ihm sind wir hier. Nicht wegen Mike.
Der Namensgeber der Talk- und Entertainment-Sendung begrüßt mit sichtlicher Nervosität den Saal und freut sich auf seine achte Sendung der aktuellen Staffel („die ACHT ist meine Lieblingszahl – sie trägt taillierte Anzüge wie ich“). Mag man glauben oder nicht. Er verbreitet aber positive Stimmung, hackt ein wenig auf Bauer-sucht-Frau-Inka rum und da merkt man, es könnte ein schicker Abend werden.

Die Sendung

Den heutigen politischen Gast kennen viele internetaffine junge Menschen: aus der Piratenpartei Christopher Lauer. Sein Twitteraccount @Schmidtlepp ist sehr interessant, um die Arbeit dieser jungen und bisher erfolgreichen Partei ein wenig näher kennenzulernen.
Stuckrad und Lauer sind beide Vertreter des ironischen und hintergründigen Humors und die Pointen liegen versteckt, zünden dann doch und man amüsiert sich ordentlich. Stuckrad und sein Team haben gut gearbeitet und die Themen mit denen Lauer konfrontiert wird, fordern den Jungpolitiker stark heraus. Doch das Politikersprech des gebürtigen Bonners kommt schon durch und viele genaue Stellungnahmen bleibt er schuldig – immerhin DAS hat er in seiner Zeit im Berliner Abgeordnetenhaus schon gelernt.
Um Stuckrad nicht ganz so neunmal klug stehen zu lassen, wurden zwei Sidekicks engagiert die Muppets-Show-mäßig über allem thronen: Waldorf Schuhmacher und Stadler Feldenkirchen. Sehr gute Einwürfe der Zwei, allerdings stören sie meist den Fluss der Diskussion bzw. sind schonmal auf billige Lacher aus.
Das Benjamin von Stuckrad-Barre eher Freund des politisch-unkorrekten Witzes ist, wird im zweiten Teil der Sendung deutlich. Da er ebenso wie Lauer an ADHS leidet, wird kurzer Hand per Olympiade ausgespielt, wer die stärkere Erkrankung hat. Als Schiedsrichter darf Jakob Hein dienen, der mir als Gast bei Kurt Kroemer in Erinnerung geblieben ist – sehr sehr positiv. Stuckrad und Lauer hatten nun ihren passenden Gegenpart. Die letzten 15 Minuten waren somit für mich das Highlight der Sendung. Nicht wegen der eher peinlichen und meist unwitzigen Entscheidungsspiele, sondern wegen der Gespräche zwischen Schiedsrichter Hein und den Kontrahenten Lauer und Stuckrad-Barre. Mit dieser Konstellation hätte ich gern mehr Zeit verbracht. Doch 45 Minuten Sendung sind recht schnell vorbei. Nach der Aufzeichnung zweier Ankündigungstrailer muss man nun das Studio wieder verlassen.Stuckrad Late Night Christopher Lauer ZDFneo ADHA Piratenpartei

Was vom Tage übrig blieb

Spartenkanäle haben die Möglichkeit Format zu testen, besser zu machen und vielleicht ins Hauptprogramm zu hieven. Stuckrad Late Night wird den Weg in das große ZDF nicht gehen, allerdings ist es für sich eine geniale Sendung, die aber – wie immer – mit dem Gast steht und fällt. Doch können alle Showbeteiligten das Niveau halten, welches sie sich selbst auferlegen, dann hoffe ich noch lange Spaß an der Sendung zu haben. Vorallem sie live vor Ort genießen zu können.

Advertisements

30. März 2012. Schlagwörter: , , , , . Berlin, Fernsehen, Sendung, Show. Hinterlasse einen Kommentar.

Ausgabe 5: Gottschalk Live

Gottschalk Live, Gottschalk, Karven, Steffen Hensler, ARD, ZDF, Das Erste,

Waren das Zeiten: Der Fernseh hatte nur drei – vier Sender, samstags wurde nach Alter gebadet und Thomas Gottschalk begrüßte uns zu „Wetten dass…?“ . Herrlich.
Doch alles scheint zu schnell vorbei und schon ist der nette Herr Gottschalk nicht mehr beim ZDF, sondern hat sich einen schönen Sendeplatz im Ersten gesichert. Nur wie bei all seine jungen und alten Kollegen musste er sich daran gewöhnen, dass nicht Beliebtheit die Quoten bestimmt sondern der Zuspruch der Zuschauer und damit die Quote.
Nun wird das Studio im Berliner Humboldt Carré umgestaltet. Publikum soll Thomas Gottschalk zu neuen Quotenhöhen bewegen. So konnte ich meine Kindheitserinnerungen neu aufleben lassen und sicherte mir in der ersten Woche einen Platz in Gottschalks Wohnzimmer.

Die Bestellung

Eher der Zufall führte mich zur Info, dass man nun Karten erwerben konnte. In den weiten des Internets machte ein kleiner Artikel drauf aufmerksam, dass man über Grundy diese raren Tickets bekommt. Das Eventpublikum, welches sich Grundy bei DSDS, Supertalent, etc., ins Studio holte wusste es schon vorher, dank des Newsletters. Ist das Gottschalks Zielpublikum? Klatsch-und-Fußtrampel-Material? Allem Anschein.
Der Anruf war schnell getätigt (Kartenpreise eigentlich 5€/Gast) und da ich kurzfristig meine Zeitplanung darauf ausrichten konnte, bekam ich noch kostenlosen Zutritt. Dürfte in naher Zukunft nicht möglich sein. Alles wichtige dann per Email erhalten: Reservierungsbogen, Wegbeschreibung und AGBs. Es konnte also starten.

Die Ankunft

Warum der nette Herr Gottschalk seine Talkshow am Vorabend ohne Publikum machen wollte, wird einem bei Ankunft klar. Man sollte keinen Bevölkerungsdurchschnitt erwarten, hier ist die Couchgeneration angekommen: eine Gruppe Pädagogikstudentinnen, Beamtennerds und die obligatorische Mandy aus Berlin-Hellersdorf die in einer Weiterbildungsmaßnahme steckt. Herr Gotschalk wird seinen neuen Produzenten verfluchen.
Das Treiben auf den Studio Fluren kennt man irgendwie. Junge Menschen, die irgendwas mit Medien machen wollten, laufen hektisch und mit tiefen Augenringen am wartenden Fußvolk vorbei. Das Recht am eigenen Bild wird abgetreten – zumindest für die Sendung. Mit einer großen Geduld erklärt der Produktionsassistent jedem, was die auszufüllende Karte bedeutet. Hut ab, Herr Assi. Nach dem 30. immer noch die gleiche Ruhe zu haben, sollten sich die Damen von Karstadt mal abschauen. Nach einem Check wie am Flughafen („Damit wir da oben alle sicher sind“wtf?) geht es durch das Treppenhaus in den dritten Stock und kommt in das karge, karge Studio.

Die Sendung

Um den besten Blick zu haben, will natürlich jeder in die ersten Reihe. Der Produktionsassi verteilt nach Aussehen. Bin zufrieden als ich in die erste Reihe darf. Sehe ich das Publikum hinter mir, wird meine Freude allerdings stark relativiert.
Kumpel Thomas erscheint fünf Minuten vor Sendebeginn vorm seinem heutigen Bundesdurchschnitt und wärmt es auf. Die aktuelle Diskussion um seine Sendung setzt ihm zu, wie man nach den ersten drei Minuten merkt. Seine Freunde der schreibenden Presse hatten an diesem Tag bekannt gemacht, dass Überlegungen zur Absetzung der Sendung zum Sommer gestartet sind. Verständlicher Ärger bei Tommy, doch muss man mit Kritik umgehen können. Zehn Sekunden vor Sendestart knipst er sein Lächeln an – das isser, der Talkprofi.
Gäste der Sendung sind Ursula Karven (B-Schauspielerin) und Steffen Hensler (ZDF-Koch – andere Frage, kocht da irgendwer nicht?)
Frau Karven kann nicht überzeugen. Promo für ihren ARD-Film am kommenden Abend und die Selbstdarstellung im Playboy (sic!). Gottschalk spult die typischen Gags ab („lese den nur wegen Dalai Lama Interview“) und Ursula hat natürlich VOLLE Rückendeckung ihrer Familie. Geld spielte da sowieso nie eine Rolle.
Steffen Hensler, Typ Sonnyboy aus Hamburger Ecke, ist da schon ein sympatischer Zeitgenosse der mit Charme direkt mehr darstellt als seine Vorgängerin. Gut, wer insgesamt hohe Talkshowinhalte erwartete, ist hier falsch. Aber die Art und Weise wie Unser-aller-Tommy seine Gäste präsentiert und umgarnt ist schön mit anzusehen. Obwohl ich bisher nur zwei Sendungen gesehen hatte – die erste mit Lagerfeld und die Vortagessendung mit Frau Nick – merkt man den Spaß, welchen der Gastgeber nun endlich gefunden zu haben scheint.
Nach Verteilung von Sushi, wars dann vorbei. Kurze Verabschiedung – Tschö. Ich mach Wochenende.

Der Rest vom Schützenfest

Irgendwie fühlt man sich nach dem Konsum einer solchen Sendung, als hätte man Fast-Food genossen: Wars das jetzt wert? Eine hoffentlich wachsende Sendung, die aber wohl nie das geforderte Quotenziel erreichen wird. Wenigstens kann man für sich sagen, dass man den Versuch einer Showgröße gesehen hat, im Kleinen anzukommen.

Gottschalk Live, Gottschalk, Karven, Steffen Hensler, ARD, ZDF, Das Erste,

 

 

 

23. März 2012. Schlagwörter: , , , , , , . Berlin, Fernsehen, Sendung, Show. 2 Kommentare.